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Review: Der Baader Meinhof Komplex

Oktober 9, 2008

D 2008 R: Uli Edel D: Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Bruno Ganz L: 150 min. FSK: 12 IMDb: http://german.imdb.com/title/tt0765432/

Die Story

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Stefan Aust erzählt die Geschichte von den frühen Tagen der Roten Armee Fraktion und ihrer Gründungsmitglieder Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Ulrike Meinhof (Martina Gedeck), und verfolgt deren Entwicklung von einer Protestbewegung zu einer der gefährlichsten Terrorgruppen aller Zeiten.

Never touch a running system

Man nehme ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte, das who-is-who der derzeitigen deutschen Schauspielerriege und eine agressive Marketingkampagne, fertig ist der deutsche Blockbuster. So oder so ähnlich dürfte die Rechnung von Produzent Bernd Eichinger gelautet haben, als er das Projekt in Auftrag gab. Kein Wunder, schließlich hat das ja auch bei Der Untergang und Sophie Scholl funktioniert. Und da das dritte Reich als Aufhänger ja auch irgendwann mal langweilig wird, versucht man es diesmal mit einem anderen, mindestens ebenso spannenden, aber weniger ausgelutschten Thema: Dem deutschen Herbst und seiner Vorgeschichte. An und für sich eine gute Idee, denn die Geschichte um eine aus verschiedenen Charakteren bestehenden Terrorgruppe, die es in den 70er Jahren schaffte in einem beträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung Sympathie oder zumindest Verständnis für ihre Verbrechen zu wecken ist durchaus interessant und bietet grundsätzlich genug Stoff für einen spannenden Film.

Deutsche Gründlichkeit

Die Nachstellung der historischen Ereignisse gelingt dem Film überraschend gut und muss wohl als dessen größter Verdienst bezeichnet werden. Man hielt sich eng an die sorgfältig recherchierte Buchvorlage und historische Dokumente wie Nachrichtenfilme und Fotos, und tatsächlich kommen einem die Filmbilder wie aus dem Geschichtsunterricht bekannt vor. Für die Szenen während des Gerichtsprozesses gegen die RAF-Führungsriege gegen Ende des Filmes wurden beispielsweise die Originaltonprotokolle der Verhandlung als Quellmaterial verwendet, und pedantisch genau nachgespielt.

An dieser Authentizität haben vor allem die Schauspieler einen großen Anteil. Moritz Bleibtreu (den ich schon seit Jahren für den derzeit besten deutschen Schauspieler halte) mimt den halbstarken aber charismatischen Kleinganoven Baader absolut glaubwürdig, auch Martina Gedeck in der zweiten Hauptrolle als Ulrike Meinhof kann überzeugen. Doch auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt. Bruno Ganz (Der Untergang) gibt dem BKA-Chef Horst Herold (und damit dem einzigen im Film näher beleuchteten „Gegenspieler“ der RAF) sein Gesicht. Besonders beeindruckt war ich aber von der Leistung eines mir bis zu diesem Film unbekannten Schauspielers namens Sebastian Blomberg, der den Studentenführer Rudi Dutschke fast schon erschreckend realistisch verkörpert.

Ein Film ohne Haltung?

Schon im Vorfeld des Filmstarts meldeten sich die ersten kritischen Stimmen in Deutschland zu Wort, die eine Verfilmung der RAF-Geschichte als Popcornkino und damit eine Verharmlosung der Organisation befürchteten.  Im Review von Spiegel-Online beispielsweise wird dann auch ausdrücklich bemängelt, dem Film fehle eine klare Stellungnahme oder Haltung zu den Ereignissen. Das stimmt zwar, diese Tatsache dem Film aber entgegenzuhalten ist einfach Blödsinn. Es ist dasselbe Phänomen wie schon vor einigen Jahren bei der Untergang: Irgendwie scheint ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit das Bedürftnis nach einem moralischen Zeigefinger in solchen Filmen zu haben, der dem Zuschauer das eigene Nachdenken abnimmt. Dabei wird übersehen dass beide Filme für ein erwachsenes Publikum gedreht wurden, das selbst in der Lage sein sollte, das Geschehen vernünftig einzuordnen. Der Zuschauer braucht niemandem, der ihm sagt dass die RAF eine Bande von Verbrechern war, die Taten sprechen für sich. Die anfänglich für die abenteuerlustigen Rebellen vermittelte Sympathie schlägt schnell genug in Ablehnung um, ohne dass man dafür irgend einen expliziten Hinweis oder Zeigefinger durch den Film bräuchte. Die fehlende Haltung ist also sicher nicht das Problem des Films.

Gut gemeint…

Die größte Stärke dieses Films ist gleichzeitig sein extremstes Manko: Der Zwang möglichst alle wichtigen Ereignisse der RAF-Ära darzustellen sprengt den Rahmen eines Spielfilms und lässt keinen Platz mehr für die Entwicklung der Charaktere.

Dabei bietet die Geschichte idealistischer Menschen, die davon überzeugt sind für das Gute zu kämpfen, dabei aber zu den falschen Mitteln zu greifen so viel tragisches Potential für eine spannende Charakterstudie. Tatsächlich ist es aber lediglich die Figur von Ulrike Meinhof, die einigermaßen genau und nachvollziehbar gezeichnet wird. Ihr Wandel von der engagierten Journalistin zur ideologischen Führerin einer Terrororganisation ist durchaus spannend mitanzuziehen, auch die damaligen gesellschaftlichen Hintergründe, aus denen die RAF und ihre Sympathie in der Bevölkerung erst entstehen konnten, werden vom Film zu Beginn anschaulich vermittelt. Die Charaktere der anderen Protogonisten bleiben aber trotz der Qualität der Schauspieler viel zu blaß. Es werden unzählige Figuren eingeführt, die zwar sicher eine wichtige Rolle in den historischen Ereignissen spielten, der Erzählstruktur des Films aber einfach schaden und den Hauptfiguren keinen Platz mehr lassen. Besonders zum Ende, als in knapp 20 Minuten Schleyer- und Landshutentführung sowie der Selbstmord der Hauptfiguren abgerissen werden, ist der Film zu vollgepackt mit Ereignissen und vernachlässigt dabei die Spannungskurve, die nunmal jeder Spielfilm zwingend braucht, egal ob Unterhaltungskino oder Dokumentation mit Schauspielern.

Gerade Meinhof hätte am Ende mit ihrer Katharsis und dem Bruch mit der Gruppe, die der Film zwar zeigt, aber nicht nachvollziehbar erklärt, mehr Aufmerksamkeit verdient. Stattdessen werden mit Brigitte Mohnhaupt und der zweiten RAF-Generation neue Figuren eingeführt, die dem Zuschauer mangels Charakterisierung völlig fremd bleiben. Am Ende fühlt man sich von den Ereignissen einfach erschlagen, sie rasen an einem vorbei anstatt die Geschichte voranzutreiben und ich wage es kaum zu sagen, aber ich hätte mit einem zweistündigen, klassischen Drama, dass sich mehr auf die Charaktere als auf deren Taten konzentriert wohl mehr anfangen können als mit diesem fast dreistündigen Geschichtsunterricht.

Fazit

Hervorragend gespielte, ambitionierte Unterhaltungsdokumentation, die als Spielfilm aber am Ende leider wegen ihrem eigenen Vollständigkeits- und Authentizitätsanspruch scheitert.

5/10 Punkten

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2 Kommentare

  1. Gut gebrüllt, Löwe! Wir wollen den Film ja morgen gucken, ich bin gespannt. Jedenfalls sehr schöne Rezension, haste fein gemacht! Xx


  2. […] Wer sich mit dem Thema beschäftigen will sollte auf jeden Fall zuerst das Buch lesen. Eine Filmkritik findet sich hier […]



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