h1

Review: Juno

September 5, 2008

USA 2007 R: Jason Reitman D: Ellen Page, JenniferGarner, Jason Bateman, J.K. Simmons L: 96 min. FSK/MPAA: 6/PG-13 IMDb: http://german.imdb.com/title/tt0467406/

Unverhofft kommt oft

Schwangerschaften von jungen, unverheirateten Frauen haben sich mittlerweile zu einem echten gesellschaftlichen Problem in den USA (die mit teen pregnancy für dieses Phänomen wie so oft ein viel griffigeres und vor allem cooleres Wort haben) entwickelt. Das Land, in dem einerseits hin und wieder mal ein Lehrer gefeuert wird, weil er es wagt, seinen Schülern Aufklärungsunterricht zuzumuten, andererseits aber die größte Sex- und Pornoindustrie der Welt ansässig ist, tut sich schwer mit „Kindern, die Kinder bekommen.“

Für die jungen Mütter bedeutet die Schwangerschaft in der Regel eine Wahl zwischen Abtreibung, und damit gesellschaftlicher Stigmatisierung einerseits, und dem Behalten des Kindes andererseits, was sie in ihrem derzeitigen Lebensabschnitt nicht nur überfordern, sondern zudem zum Sozialfall machen würde.

Mit dieser schwierigen Entscheidung sieht sich auch Juno (Ellen Page, Hard Candy) konfrontiert, als sie von ihrem Freund (hier eher als Kumpel zu verstehen) Paulie Bleeker (Michael Cera, Superbad) „aus Versehen“ einen Braten in die Röhre gesetzt bekommt. Da für Juno weder eine Abtreibung noch ein Dasein als White Trash-Mutter in Betracht kommt, entschliesst sie sich das Baby zur Adoption freizugeben. In der amerikanischen Bilderbuchfamilie der Lorrings (Jennifer Garner, Alias und Jason Bateman, Hancock) glaubt sie die perfekten Eltern für ihr Baby gefunden zu haben.

Ein Teeniefilm (auch) für Erwachsene

Aufgrund der Thematik und dem Ursprungsland des Films mag man vielleicht erst in Versuchung kommen, von Juno entweder ein moralingetränktes Pamphlet gegen vorehelichen Sex oder eine seichte Teenieklamotte zu erwarten, Regisseur Jason Reitman (Thank You For Smoking, übrigens tatsächlich der Sohn des legendären 80er-Jahre Kultregisseurs  Ivan Reitman, Ghostbusters, Twins) gelingt aber dankenswerterweise die Gratwanderung zwischen diesen beiden Abgründen. Ohne erhobenen Zeigefinger und mit dem richtigen Gespür für seine Darsteller und die Bilder erzählt er Junos Geschichte vom Erwachsenwerden, und setzt dabei wie schon in seiner grandiosen Abrechnung mit dem US-Kapitalismus Thank You for Smoking über die gesamte Spieldauer des Films auf intelligente Situationskomik statt auf Klischees und pubertären Humor, was Juno trotz der Thematik und der Jugendsprache in erster Linie zu einem Film über Jugendliche für Erwachsene macht.

Am Anfang war das Wort

Anfang 2008 avancierte Juno vom Independent Geheimtipp diverser Festivals zum Überraschungsfilm der Oscarverleihung. Der Film wurde in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin und Bestes Drehbuch nominiert. Am Ende konnte Juno immerhin den Oscar für das beste Drehbuch gewinnen, und das hochverdient.

Das Script von Diablo Cody (alleine für den Namen hat die Frau ihren Oscar verdient…) zeichnet ihre jugendlichen Protagonisten ralitätsnah und vorallem glaubwürdig. Und anders als in vielen anderen Jugendfilmen von Erwachsenen wirkt die Alltagssprache der Charaktere keinesfalls aufgesetzt und pseudocool sondern völlig natürlich. Die Story hat eine angenehme Leichtigkeit und schafft es dennoch, die grundsätzlich fröhliche und bunte Welt von Juno mit einigen schwermütigeren (aber nie depressiven) Momenten zu versetzen, die sich nahtlos in den Gesamtkontext einfügen.

Neben ihrer realistischen Darstellung jugendlicher Charaktere beweist Cody zudem mit unzähligen Anspielungen auf die moderne Popkultur (vor allem Junos Diskussionen mit Mark über den besten Horrorregisseur (Dario Argento oder Herschell Gordon Lewis) oder über die beste Punkband (The Stooges oder Sonic Youth) lassen dem Film- und Musikgeek das Herz aufgehen. Seit Clerks habe ich keinen Film mehr gesehen, der sich derart detailverliebt mit Popkultur auseinandergesetzt hat.

Diablo Codys Geniestreich wird noch verblüffender (und sympathischer) wenn man sich bewusst macht dass es sich bei der Autorin keinesfalls um eine erfahrene Schriftstellerin oder Drehbuchautorin, sondern um eine junge Bloggerin (Pussy Ranch) und ehemalige Stripperin handelt, die mit ihren Blogeinträgen eher zufälligals gewollt Hollywood auf sich aufmerksam machte. Man darf gespannt sein, was Cody in Zukunft noch in petto hat.

Alles fügt sich zusammen

Weder das beste Script noch der kreativste Regisseur bringen einen guten Film zustande, wenn der Cast nicht stimmt. Hier liegt ein weiterer großer Pluspunkt von Juno.

Mit Ellen Page (die bereits in dem überraschend guten, aber leider kaum beachteten Thriller Hard Candy zeigte was sie drauf hat, und mit dieser Rolle endgültig zu den besten jungen Darstellerinnen Hollywoods gezählt werden muss) hat man die perfekte Hauptrolle gefunden, gerade weil Juno leicht als nervige Emo-Göre hätte dargestellt werden können, Page ihrer Rolle aber unglaublich viel Sympathie verleiht. Die Chemie zwischen ihr und ihren Partnern (vor allem ihrer besten Freundin Leah (Olivia Thirlby) und ihrem Jugendfreund und Kindesvater wider Willen Paulie Bleeker (herrlich nerdig: Michael Cera) ) ist perfekt eingefangen und man hat nach kurzer Zeit das Gefühl die Protagonisten schon lange zu kennen.

Auch Junos Familie (J.K. Simmons als Vater und Allison Janney als Stiefmutter) sind gut getroffen und funktionieren perfekt als Ensemble, was besonders gut in der genialen Szene zu erkennen ist, als Juno ihren Eltern die frohe Botschaft ihrer Schwangerschaft überbringt.

Fazit

Langer Rede kurzer Sinn: Juno ist einer der leider viel zu seltenen Fälle, in denen sich eine originelle, sympathische Geschichte, eine stilsichere Regie und ein ausgezeichneter Cast zu einem perfekten Film zusammenfügen.

Müsste ich krampfhaft nach einem negativen Kritikpunkt suchen könnte ich beim besten Willen nur das etwas hollywoodtypische Happy End nennen, das sich bei genauerem Hinsehen aber doch wunderbar in den Film einfügt und Juno insgesamt zu einem völlig unnervigen feelgood-movie macht. Und sowas muss ja auch mal sein…

9 von 10 Punkten

Advertisements

2 Kommentare

  1. Bin deiner Meinung, fand den Film super, werde ihn mir bei Gelegenheit auf jeden Fall auf DVD holen. Xx


  2. Guter Geschmack, herzlichen Glückwunsch 😉 Und danke für den Kommentar 🙂



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: